Bob Wachtel

Das amerikanische Phänomen

Bob Wachtel, der heute als einer der spielstärksten Backgammon-Spieler der Welt gilt, hat jahrelang wenig Backgammon gespielt. Stattdessen klärte er lieber einen vermeintlichen Mordfall auf. Hier gibt er uns einen kurzen Einblick in seine bewegte Lebensgeschichte.

 

Nur ein Narr macht andere für sein Pech und seine
Niederlagen
verantwort-
lich.

Ich bin 59 Jahre alt, wurde in New York geboren und bin in New Jersey aufgewachsen. Meine Eltern waren europäische Juden, meine Mutter aus Nürnberg, mein Vater aus Wien. Beide sind als Kinder auf der Flucht vor Hitler in die Vereinigten Staaten gekommen und haben sich später in New York kennengelernt. Mein Vater, der als Chemiker in der Forschung tätig war, hat mir Schach beigebracht. Während der High School habe ich mich ernsthaft mit dem Spiel befasst und wurde mit 16 Jahren Schachmeister. Zweimal wurde ich Zweiter bei der US-Meisterschaft der unter 21-jährigen.
Aufgrund des hartnäckigen Widerstands meiner Eltern habe ich meine Träume, Schach-Großmeister zu werden, aufgegeben, und ein Studium begonnen. 1969 habe ich an der Rutgers Universität meinen B.S. (Bachelor Of Science) in Chemie gemacht und 1977 promovierte ich in Wissenschaftsphilosophie an der Universität von Toronto.
Doch eine akademische Karriere schien mir nicht erstrebenswert just als ich mich für diese qualifiziert hatte.
In meiner Doktorarbeit hatte ich einige der Standpunkte des philosophischen Superstars der Fakultät auseinander genommen, doch dieser war meinen neuen Erkenntnissen gegenüber völlig gleichgültig. Ich hatte ihn widerlegt und es war ihm egal!

Zurück zum Schach

Ich wandte mich wieder dem Schachspiel zu, wo richtig zu liegen, obwohl finanziell unbedeutend, zumindest die verdiente Anerkennung garantierte. Und es war im Toronto Schach-Klub, wo ich Backgammon für mich entdeckte, ein uraltes Spiel, welches zu der Zeit eine glitzernde Renaissance erlebte. Erfreut stellte ich fest, daß ich sehr schnell als Profi von Backgammon leben konnte und ließ das kühle Toronto hinter mir in Richtung Beverly Hills, wo ich einige glückliche, genussfreudige Jahre unter der Sonne Kaliforniens verbrachte und Stammgast in legendären privaten Clubs wie dem Pips und dem Cavendish West war. Nachdem ich im Jahr 1984 einige Zeit in Las Vegas als Mitglied eines Teams von Card-Countern beim Black Jack unterwegs war, entschloß ich mich zu einer radikalen Veränderung und ging wieder zurück an die Ostküste um an der Börse von Philadelphia mit Aktienoptionen zu handeln. Zwischen 1986 und 1991 habe ich dort einige Male ein Vermögen gemacht und auch wieder verloren.
Auf der Suche nach etwas mehr Ruhe ging ich 1992 für ein Jahr nach England. In Europa habe ich in dieser Zeit einige Backgammon-Turniere gewonnen: Venedig, Stockholm, Isle Of Man und Gstaad.
Ich schrieb einige Artikel für die Gemeinde der Backgammon-Enthusiasten, welche im Magazin "Inside Backgammon" veröffentlicht wurden. 1993 erschien auch mein Buch "In The Game Until The End" (The Gammon Press, Arlington, MA).

 

Ein "Mord" ändert alles

Eigentlich hatte ich im Anschluss vor, inspiriert durch meine Abenteuer in der Welt der Spieler, eine Sammlung von Kurzgeschichten im Stil von Damon Runyon zu veröffentlichen. Doch im Jahr 1995 wurde ich, durch die Bekanntschaft mit einer vermeintlich unschuldigen, jungen Krankenschwester, in eine rätselhafte Hollywood-Mordgeschichte reingezogen - der vielpublizierte Tod der amerikanischen Tabak-Erbin Doris Duke und den anschließenden Krieg um ihre Hinterlassenschaft. Ich verbrachte fünf Jahre mit den Nachforschungen in dieser Angelegenheit, um das Rätsel aufzuklären (es war kein Mord) und weitere vier Jahre damit, mein (immer noch unveröffentlichtes) Buch "An Overdose Of Greed" (Eine Überdosis Gier)  zu schreiben. Meine Karriere als Backgammon-Profi lag damals fast komplett auf Eis. Ich spielte sehr wenig, doch immerhin konnte ich 1999 in Las Vegas sowohl den Einzel- als auch den Doppeltitel holen und gemeinsam mit Joe Russell die ProAm Doppel-Meisterschaft gewinnen. Nachdem mein Buch-Projekt 2003 beendet war, entschied ich mich, wieder Backgammon-Turniere in Europa zu besuchen. Seitdem habe ich zwar noch kein großes Turnier gewonnen, hatte aber einige sehr gute Resultate: Zweiter der Weltmeisterschaft 2004 in Monte Carlo, Gewinner der Consolation und Zweiter im Doppelwettbewerb zusammen mit Brigitte Dvorak in Enghien im Jahr 2006.
Zur Zeit genieße ich mein Leben in Los Angeles. Ich habe vor, weiter in Sachen Backgammon durch die Welt zu reisen. In Kürze werde ich die Arbeit an meinem nächsten Buch beginnen: "The Virtues Of Gambling" (Die Tugend des Spielens). Die Grundthese lautet: Wetten ist ein natürlicher, gesunder, spielerischer Impuls, der sich zu unternehmerischer Aktivität in etwa so verhält, wie sich körperliche, sportliche Aktivität, in technologisch weniger entwickelten Gesellschaften, seit jeher zum Krieg verhalten hat.

SpielerInterview

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Backgammonpartie?

Da muss ich etwas weiter ausholen: Ich habe mich als Jugendlicher sehr intensiv dem Schachspiel verschrieben. Mit 16 Jahren wurde ich Schachmeister. In der US-Meisterschaft der unter 21-jährigen bin ich zweimal Zweiter geworden. Nachdem ich die High School abgeschlossen hatte wollte ich Schach-Profi werden, wogegen meine Eltern vehement Ihr Veto eingelegt haben. Ich folgte schließlich ihrem Wunsch und habe in den folgenden zehn Jahren eine höhere Ausbildung gemacht, natürlich auf Kosten des Schachs. Es war 1976, nachdem ich meinen PhD von der Universität in Toronto erhalten hatte, das ich das Gefühl hatte, ich verdiene eine Pause, um mich wieder verstärkt meiner ersten Liebe zu widmen.
Es war der ortsansässige Schach-Klub in dem ich meine erste Begegnung mit Backgammon hatte. Das Spiel war zu der Zeit sehr populär. Zu meinem Entzücken stellte ich schnell fest, daß der Lerneifer und die Konzentrationsfähigkeit, die ich als Schachspieler mitbrachte, sich beim Backgammon sehr bald finanziell auszahlten!


Warum ist Backgammon einzigartig? Ist es das überhaupt?

Backgammon ist einzigartig weil es eine Kombination aus zwei bestimmten Fertigkeiten erfordert. Um gut Backgammon spielen zu können muss ein Spieler ein großes Talent in Sachen Muster-Erkennung mitbringen, ähnlich dem "Positionsgefühl" der Top-Schachspieler. Ebenso wichtig ist seine Fähigkeit, Risiken und Chancen abschätzen zu können, also mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen, Talente, welche wir eher mit professionellen Buchmachern und Sportwettern verbinden. Mit Hilfe seiner positionellen Intuition sucht der Backgammon-Experte zunächst nach Zügen, die ihm strukturell begehrenswert erscheinen. Daraufhin werden diese Züge mit Hilfe von Wahrscheinlichkeits-Kalkulationen geprüft, um schließlich den Zug zu finden, der die besten Chancen verspricht, um die strategischen Ziele zu erreichen.

Sind Sie abergläubisch beim Backgammon?

Absolut nicht. Aberglaube ist ein schweres Gepäck, welches zu tragen sich ein Top-Spieler nicht leisten kann.

Sind Sie ein guter Verlierer?


Das hoffe ich doch. Nur ein Narr macht andere für sein Pech und seine Niederlagen verantwortlich.

Was unterscheidet Ihrer Ansicht nach einen typischen Backgammon-Spieler vom Rest der Welt?

Gar nichts. Ich glaube, daß die meisten Leute das Spiel lieben würden, wenn es Ihnen vernünftig präsentiert würde.

Welches sind Ihre Lieblingsspiele und -sportarten abgesehen von Backgammon?


Ich spiele leidenschaftlich gerne Tennis. Ich nehme Unterricht und spiele mehrmals wöchentlich. Außerdem sehe ich auch gerne Tennis im TV, insbesondere wenn mein Idol Roger Federer spielt.

Welches sind Ihre größten Stärken (und Schwächen) als Backgammon-Spieler?

Meine größte Schwäche ist, daß ich Backgammon nicht wirklich systematisch studiere und die Aufzeichnungen meiner Spiele schlecht organisiere. Außerdem habe ich - wie nicht wenige Spieler - Probleme, unter Druck mein bestes Spiel zu zeigen.

Wie können Sie am besten entspannen?

Meine Entspannungsmethode? Stress vermeiden! Aus diesem Grund habe ich mein Leben gestaltet nach der Devise, alles so unkompliziert wie möglich zu machen. Ich achte sehr darauf, mich nicht durch unrealistische Ziele oder Ziele, deren Erreichen die Anstrengung nicht wert ist, ablenken zu lassen.


Als Kind wollten Sie sein wie...?


Mickey Mantle, mein Baseball-Held.

Bitte nennen Sie drei Ihrer Lieblingsbücher!

Jurgen (James Branch Cabell), Candide (Voltaire), Rubaiyat (Omar Chayyam), The History of the Decline and Fall of the Roman Empire (Edward Gibbon).

Welche Lebensweisheit empfehlen Sie?

“Jede Annahme ist immer schon Anmaßung” . Diesen Satz habe ich von Professor E. Smullyan, der meine Doktorarbeit in Philosophie betreute.

 

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